| Künstler/Werkbeschreibung |
| Ein kalter, verschneiter Winterabend in einem Dorf im süddeutschen Voralpenland. Im Dorfgasthaus, das gelegentlich auch als Jazzclub dient, sitzt die Band um einen alten Ölofen und versucht sich zu wärmen. Es ist jene entspannte Phase zwischen Soundcheck und Gig, in der man einen Happen isst, einen Schnaps oder ein Bier trinkt. Der Wirt legt eine Piano-Trio- Scheibe auf, die uns aufhorchen lässt. Wir beginnen zuzuhören, zuerst beiläufig, dann immer intensiver. Bassist Ed Schuller, der schon mit Musikern wie Jackie Byard, Mal Waldron und Kenny Werner gearbeitet hat, versucht den Pianisten zu erraten. Bill Evans und Brad Mehldau fällt ihm zunächst ein, doch beim genaueren Hinhören erweist sich, dass es keine dieser Größen sein kann. Aber wer immer es ist, er ist heavy. Wie sich herausstellt, spielt Larry Porter. Solche Vergleiche haben durchaus ihre Berechtigung; Porter verfügt über jene Verbindung von Ideenreichtum, Leidenschaft und Fantasie mit Technik und einem Instinkt für Struktur, die einen großen Komponisten-Improvisateur ausmacht. Sein zutiefst persönlicher Stil besitzt eine romantische Sensibilität, die niemals in Sentimentalität abgleitet. Realitätssinn ebenso wie das Ergründen der geheimen Empfindungen, der Leidenschaften, Sorgen und Schmerzen prägen das Wesen seiner Musik. Gleichzeitig ist da ein Hochgefühl und eine Transzendenz; es ist, als würde der Pathos des täglichen Lebens musikalisch transformierend bejaht. Porter ist ein erfahrener Jazz-Veteran. Neben längeren Engagements mit Art Farmer und Chet Baker tourte er mit Archie Shepp, Thad Jones, Heinz Sauer, Benny Bailey, Al Cohn und anderen. Das Porter-Praskin Quartet genießt den Ruf einer Underground-Legende. Seine musikalischen Streifzüge führten ihn nach New York, Barcelona, Kabul, München, Tokio und Berlin, wo er derzeit lebt. Das Piano-Trio besetzt eine wertvolle Nische im Jazz. In dieser Besetzung kann bei einem Höchstmaß an Komplexität des Zusammenspiels aus der Integration ungleicher Teile zugleich ein Höchstmaß an Freiheit entstehen. Porter selbst gebraucht dafür das Bild eines Dreiecks, dessen drei Ecken auf organische Weise so miteinander verknüpft sind, dass ein Maximum an dynamischem Zusammenspiel möglich ist. Bei der Wahl der Partner für seine eigene Musik ist Larry seit jeher überaus wählerisch. Der Bassist Johannes Fink und der Drummer Oliver Steidle erfüllen seine Kriterien. Ich weiß noch, wie begeistert er mir von beiden erzählte, als wir zum erstenmal über seine Pläne für dieses Trio sprachen. Beide sind feste Größen in der Berliner Szene, und beide besitzen die erforderliche Kombination von Erfahrung, Experimentierfreude, Kühnheit, Kreativität und instinktiver Präsenz. Johannes Fink hat bereits mit stilistisch so unterschiedlichen Künstlern wie Marc Ducret, Tim Berne, Lee Konitz, Ack van Rooyen und Aki Takase zusammengearbeitet. Oliver Steidle wurde vor allem durch seine Arbeit mit Felix Wahnschaffe bei Das Rosa Rauschen und Der Rote Bereich bekannt, wo er auch mit dem Gitarristen Frank Möbus und dem Bassklarinettisten Rudi Mahall zusammentraf. Für die CD hat das Trio neben sechs von Porters eigenen Stücken eine Komposition von Thelonious Monk und ein Stück aus Stephen Fosters Songbook eingespielt. Porters The Circle Is Unbroken, Meditation On A Rainy Day, Quarter To Four und Blue In Rose stammen aus einer Serie von Kompositionen, die vom zyklischen Wesen der klassischen Musik Nordindiens beeinflusst sind. Larry erklärt dies so: "In der typischen westlichen Songstruktur endet die Melodie kurz vor dem Ende der Form. In diesen Stücken vollführt die Melodie dagegen Schleifen und hebt so den Begriff von Anfang und Ende auf. Dadurch entsteht der Eindruck eines kontinuierlichen Fließens." Die Begegnung von östlicher und westlicher Musik fasziniert Porter seit langem. Seine Reise durch Asien führte ihn 1976 auch nach Afghanistan und in dessen Hauptstadt Kabul, wo er die Rebab kennenlernte und beim seinerzeit größten Rebab-Meister Ustad Mohammed Omar in die Schule ging. Porters über 25-jährige Beschäftigung mit diesem Instrument hat ihm bei dem in den USA erscheinenden afghanischen Magazin Lemar-Aftaab den Ruf eingetragen, "... zweifellos einer der besten Rebab-Spieler seiner Generation" zu sein. Auf lange Sicht möchte Porter "das was ich über Jazz und westliche Musik weiß, mit dem was ich über die Musik Afghanistans, Zentralasiens und Indiens weiß verbinden...Für mein Empfinden besitzt diese Musik ihre ganz eigene Integrität, die mehr ist als die bloße Summe ihrer Teile."' Das Titelstück The Circle Is Unbroken besitzt eine ungewöhnliche 15-taktige Form, die in fünf 3-taktige Phrasen unterteilt ist. Diese formale Struktur eignet sich um das Gefühl eines kontinuierlichen Fließens entstehen zu lassen. Das Zusammenspiel der Musiker beim Verschmelzen der Solisten- und Begleiterrollen ist geradezu unheimlich. Meditation On A Rainy Day ist eine musikalische Beschreibung jenes " ... melancholischen und gleichzeitig behaglichen Gefühls, das sich einstellt, wenn man am Fenster stehend dem Regen lauscht. " Es ist dies einer jener Momente, in denen aus einer Träumerei mitunter eine tiefe Einsicht erwächst. Porter beschreibt Quarter To Four als "Blues durch ein Prisma". Die zwölf Takte des Stücks sind in Abschnitte zu drei, vier und fünf Takten unterteilt. Nach einem Solo-Piano-Intro geht das Trio über in ein frei fließendes Medium-Tempo; der Fokus liegt durchgängig auf der Gruppen-Improvisation. Up And Up basiert auf dem südindischen Raga Raghupriya, der an Nummer 42 der 72 Melakartas oder Tonleitern steht. Steidles Solo-Intro gibt das Thema vor, das dann in Rubato weitergespielt und improvisiert wird. Das ganze besitzt eine ätherisch-durchsichtige Qualität - wie ein Wasserfall im Sonnenlicht. Anschließend wird das Thema in einem pulsierenden Rhythmus wiederholt. Finks Ostinato-Bass liefert die Unterströmung für einen hypnotisierenden musikalischen Fluss, der stellenweise reißend wird. Blue In Rose ist, wie Bill Evans Blue In Green, eine 10-taktige Ballade, mit dem Unterschied, dass Rose im fünften und sechsten Takt in den 3/4-Takt wechselt. Nach einem stimmungsvollimpressionistischen Piano-Intro schildert das Trio das Thema. Wieder ist das Spiel geprägt von einer sensiblen Nutzung des Raums und von Momenten eines seufzenden Aufatmens der drei bei diesem wehmütigen Song. Superbabe basiert auf dem alten Dixieland-Standard I Found A New Baby. Die Akkorde sind mit neuen Harmonien versehen, und der erste Chorus wird, in Unterstützung von Ollis eleganter Besen-Arbeit, in einer riff-artigen rhythmischen Variation über die Form gespielt. Am Anfang der Melodie wird eine Supertonleiter (die über die Oktave hinausgehend einen bitonalen Effekt ergibt) verwendet. Das Stück besitzt eine asymmetrische Dissonanz, bei der die melodischen Linien dort landen, wo man sie am wenigsten erwartet. Obwohl Monks Kompositionen bereits den Rang von Jazz-Standards besitzen, lassen sich die legitimen Monk-Interpreten an den Fingern einer Hand abzählen. Die Einzigartigkeit der Musik Monks entspringt großteils seinem einmaligen Stil in Stimmführung und Rhythmus - beides Elemente, die sich nur wenige Pianisten zu Eigen machen konnten. Porter hat Monks Stil nicht nur aufgenommen, sondern ihn für sich weiterentwickelt und in seinen persönlichen musikalischen Kosmos integriert. Criss Cross ist das beste Beispiel dafür. Indem sie Thelonious´ 1951er Version zum Ausgangspunkt nehmen, meistern Porter und seine Truppe ihre scharfen Klippen mit dem Geschick von Kennern der Geometrie der Monk´schen musikalischen Landschaft. Die CD endet mit Stephen Fosters Oh! Susanna. Porter hat den Song mit neuen Harmonien versehen, und spielt ihn anstelle des üblichen mittleren Tempos im Stil einer sanften Ballade. Auch in dieser Form bewahrt das Stück seinen folkhaften Charakter, der Erinnerungen an alte Zeiten und ein einfacheres Leben weckt. Das Larry Porter Trio spielt eine intime Musik, in der Raum, Andeutungen und Anspielungen sich zu einem, die Geschichte des Jazz umspannenden und über sie hinaus reichenden musikalischen Standpunkt runden. Die Geschichte wird dabei aber nicht bloß rekapituliert, sie wird vielmehr neu betrachtet und aktualisiert. So entsteht eine Musik, die durch die Aufnahme der Einflüsse anderer Kulturen zum eigentlich Wesentlichen zurückfindet: zu Bedeutungstiefe und Schönheit. Für Porter ist Musik eine spirituelle Kraft, die zumindest für einen Augenblick das Unbeschreibliche spüren lässt. Marty Cook, Dezember 2003 |