Interview meta records/Ralf Altrieth mit Nadja Dehn/lateralmusic
Montag, 27.6. – Samstag, 9.7.2005

mr :
Nadja, Du bist die Sängerin der Band "lateralmusic".
Was verbirgt sich hinter dem Namen ? Was bedeuted er ? Wie seit Ihr auf ihn gekommen ?

ND :
Es fing alles an mit einem Projekt, bei dem ich Texte von Dichtern vertonte. Ausgehend von dem Gedanken, daß Musik eine Übersetzerfunktion einnehmen kann, Inhalte dem Zuhörer verständlicher werden, nannte ich das Projekt "a lateral concept of music".
Kurz danach gründeten wir unsere Band "lateralmusic" (zu dem Zeitpunkt habe ich noch viele Gedichte vertont und es erschien mir passend). Lange mochte ich diesen Namen nicht besonders, aber mir fiel nie etwas passenderes ein. Dann fiel mir auf, daß er genau das aussagt, was wir jetzt sind: Wir sind ganz unterschiedliche Musiker auf einem gemeinsamen Weg. Jeder steuert von seiner Seite aus etwas zu der Gesamtmusik bei. Die vielen verschiedenen Seiten (lateral = seitlich), die unterschiedlichen Kontinente, die uns geprägt haben, machen lateralmusic aus.

mr :
So kam es dann wohl auch zu dem Begriff "Globaljazz" für die Bezeichnung Eurer Musik ?
Wir haben das zuvor noch nie gehört. Ist der von Euch ?

ND :
Thomas hat sich den ausgedacht, aber vielleicht gibt es ihn auch schon. Es war zuerst als Witz gemeint, da die Veranstalter immer solche Begriffe wie "Groove Jazz", "Vocal Jazz" und "Worldmusic" zur Ankündigung unserer Konzerte benutzten, und wir uns damit nicht identifizieren konnten. Global Jazz ist ein Begriff, mit dem wir gut leben können.

mr :
Stimmt, wir finden den auch ganz passend.
Wie kommt es dazu, dass die meisten Songs in englischer Sprache sind ?

ND :
Gerne würde ich deutsche Texte schreiben, es gelingt mir aber nicht. Ihnen fehlt das Gefühl, das ich in der englischen Sprache habe. Mit Englisch bin ich in Südafrika groß geworden. Sie ist meine Herzenssprache. Wenn ich Tagebuch schreibe, sind die analysierenden Passagen auf Deutsch und die großen Emotionen auf Englisch. Vielleicht ändert sich das irgendwann mal, und verschmilzt, vielleicht sind die Sprachen auch auf meine Gehirnhälften aufgeteilt. Ist das möglich? Ich weiß nicht.

mr :
Auf alle Fälle ist der Gebrauch des Englischen in Deinem Fall eine natürliche und selbsverständliche Sache. Wie sieht es denn mit der Entwicklung der Band aus. Hat sich die auch ganz natürlich zusammengefunden, oder gab es da eine forcierte Suche nach passenden Musikern zu einer konkreten Projektidee ?

ND:
Mit dem Gitarristen Gregor arbeite ich am längsten zusammen. Wir haben uns 1996 während unserer Studienzeit in Weimar kennengelernt. Gregors Leidenschaft für brasilianische Musik beeindruckte mich sehr. Bis heute kenne ich keinen Deutschen, der sich so intensiv mit dieser Musik und Kultur auseinandergesetzt hat. Wir gründeten ein Duo mit hauptsächlich brasilianischen Liedern. Thomas lernte ich auch während meiner Studienzeit kennen. Er hatte schon länger mit Gregor zusammen gespielt und passte perfekt. Zum Glück verliebte er sich in mich und ich konnte ihn dazu bewegen auch mit mir zu spielen. Seit 2001 sind wir verheiratet. Nur mit dem Schlagzeuger war das echt schwierig. Ich probierte vieles aus, dachte eine Zeit lang, Perkussion würde besser funktionieren, aber die Kommunikation war immer gestört. Nach einigen Versuchen mit verschiedenen Schlagzeugern luden wir Beni zu einer Probe ein. Er spielte mit Leichtigkeit über die Taktwechsel und krummen Takte hinweg, ohne mechanisch zu klingen. Und was mich bis heute immer wieder begeistert ist seine Gabe Zuzuhören.
Es macht großen Spaß zu improvisieren, wenn die Kommunikation stimmt. Dann ist alles möglich. Egal wo einen die Musik hinträgt, man wird getragen. Ich kann nicht sagen, wo wir uns in den nächsten jahren musikalisch hinentwickeln, aber ich möchte auf jeden Fall mit dieser Band weiter arbeiten.

mr :
Und für das Weiterarbeiten habt Ihr Euch als Basis Berlin gewählt ?

ND:
Schon lange wollte ich nach Berlin. Die Jazzszene ist groß und bunt, und die Musiker sind experimentierfreudig. Das hat mir von Anfang an gefallen. Gregor wollte ursprünglich nach Rio. Er versucht jedes Jahr erneut dort seßhaft zu werden, kommt aber immer wieder nach Berlin zurück. Beni haben wir erst hier kennengelernt. Er wohnt schon länger in Berlin.

mr :
Wir würden gerne nochmals auf Deine Songs zurückkommen. Es scheint so, als ob sich all Deine Songs mit einem ganz bestimmten Aspekt Deines Lebens befassen. Schreibst, - komponierst Du ausschließlich, wenn es Dich innerlich dazu drängt; - wenn es einen realen Anlaß gibt ?

ND:
Komponieren und ich haben eine lange Geschichte miteinander. Obwohl ich als Kind schon komponierte, hat es lange gedauert, bis ich mich auch als Komponistin sehen konnte. "stumbling over" entstand zum Beispiel in einer Zeit, in der ich behauptet hätte, nicht komponieren zu können. Jahrelang habe ich Ideen aufgeschrieben und gesammelt, aber nicht verwertet. Der eigene Anspruch und die Befürchtung, das Material sei nicht gut genug haben mich daran gehindert. Erst am Ende meines Studiums entdeckte ich mich als Komponistin. Ich hatte gute Lehrer, die mich bestärkten und mir halfen, mich als Komponistin ernst zu nehmen. Es begann eine Zeit der Auftragskompositionen und Gedichtvertonungen, aber an eigene Texte habe ich mich nicht herangetraut. Ich versteckte mich hinter dem "ich kann einfach keine Texte schreiben". Das änderte sich, als ich von einer Popband gefragt wurde Text und Melodie zu einem fertigen Track einzusingen. Zu diesem Zeitpunkt liefen mal wieder im Radio unglaublich schlechte Songs, und ich dachte: "Das kann ich auch!" Da begriff ich, wie wichtig es ist einfach gewisse Dinge zu machen, ohne darüber nachzudenken, ob sie gut sind. Ob etwas gut ist, entscheidet sich nicht immer sofort.
Das war für mich der Wendepunkt und ich fing an zu schreiben, zunächst für Lounge- und Popprojekte, dann auch für meine eigene Band. Und in diesem Punkt hast Du Recht, daß die Lieder in den letzten Jahren tatsächlich konkrete Situationen beschreiben. Es macht einfach so viel Spaß Geschichten zu erzählen. Eigene Gedanken und Gefühle direkt in ein Lied stecken zu können und zu sehen, wie Menschen dadurch berührt werden.
Mit einem lachenden und einem weinendem Auge habe ich "stumbling over" 9 Jahre später aus der Schublade geholt. Einerseits lache ich über mich selbst und meinen Anspruch, weil ich dieses Lied in einer Zeit komponierte, in der Komponieren eher intuitiv war; andererseits erschreckt mich der lange Prozess, der dahinter steht.

RA:
Wie Du siehst durchwandere auch ich gerade einen Prozess. Bis jetzt habe ich stets vor meine Fragen « mr » für meta records gesetzt, und das "wir" benutzt, um es allgemeiner zu halten. Jetzt hast Du mich gezwungen RA für Ralf Altrieth hinzusetzen : Bravo !

Ich fahre fort :
Das klingt doch aber nach einem gesunden Reifeprozess : Am Anfang warst Du Dir eben nicht sicher. Da war die reine Intuition. Und die war einfach stark und hat sich durchgesetzt gegebenüber den Bedenken, ob Du denn schon Komponistin sein kannst oder nicht. Das muß doch nicht heißen, dass sich dieser lange Prozess so fortsetzt. Oder hast Du davor Angst ?

ND:
Nein, ich bin froh darüber, daß ich nie aufgegeben habe zu kämpfen. Den Satz "Ich kann nicht improvisieren, komponieren, kreativ sein." höre ich oft von meinen Schülern. Es macht mich sehr wütend, denn meistens sind es kreative Menschen, die das sagen, die ihre Angst nicht überwinden können. Diese Angst kenne ich auch, aber ich habe mich nie damit zufieden gegeben dort stehenzubleiben. Den Prozess, den ich vorhin beschrieben habe, empfinde ich als abgeschlossen. Dafür wird es einen anderen Prozess geben, der sich fortsetzt, und es ist auch schön im Nachhinein die eigene Entwicklung betrachten zu können. Wovor ich wirklich Angst hätte, wäre stehenzubleiben.

RA:
Liebe Nadja, herzlichen Dank für Deine Offenheit, Deine deutlichen Ausführungen und ehrlichen Worte. Es war schön diesen Mail-Talk mit Dir zu führen. Das letzte Wort möchte ich gerne Dir lassen. Vielleicht möchtest Du ja noch was erzählen, - etwas aus der Vergangenheit oder von der Zukunft ?

ND:
Vielen Dank Ralf, für dieses Interview. Es war für mich wie eine Entdeckungsreise. Doch auch, wenn "lateralmusic" immer unmittelbar mit meiner Person verbunden sein wird, ist es ein Bandprojekt. "lateralmusic" lebt von dem Zusammenspiel unserer Kompositionen. Thomas´ Stücke haben großen Witz, Gregor bringt Leichtigkeit mit hinein und meine Stücke erzählen kleine Geschichten aus dem Leben. Für mich ist "lateralmusic" genau dieses Farbenspiel.