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Mit jedem Lied mitten ins Herz gezielt
Der Nürnberger Countertenor Johannes Reichert auf CD

Eben sahen wir ihn noch bei der Nürnberger Kulturpreis-Gala, hochstimmig eingereiht ins Ensemble der Pocket Opera Company - jetzt legt Countertenor Johannes Reichert rechtzeitig und stimmungskonform zum Weihnachtsgeschäft seine neue CD ,,Out of Opera" vor. Sie zielt dem Hörer mitten ins Herz. Und trifft!

,,Spannend und unorthodox", nennt der Sänger die Auswahl von 16 Nummern ,,quer durch alle Epochen". Von Händels ,,Rinaldo" zu Schuberts ,,Ave Maria" schwingt die Brücke und schafft unter solch stabilen Pfeilern jede Menge Platz für anlehnungsbedürftige Figuren. Gitarrist Klaus Jäckle und Pianist Carlo Rossi sorgen für Arrangements, die in ihrer pointierten Werktreue auch das große Orchester nicht vermissen lassen.

Das Ungewöhnliche ist das Auffällige - nämlich wie Reichert italienische Arien des 18. Jahrhunderts angeht. Mit emotionalem Affekt der milden Sorte, ganz aufs Fingerspitzengefühl gestützt. Bellini bekommt da einen eigenen Tick. Dafür hat Wahl-Venezianer Reichert wohl die Luft seiner zweiten Heimat inhaliert.

Der Orts-Nachbarin Donna Leon, der bekennenden Händel-Verehrerin, wird er eher mit den Hits imponieren. Auch das ,,Ombra mai fu" fehlt nicht, und obwohl es längst zu Tode interpretiert sein müsste, packt es in Reicherts Version wieder.

Nach gut 40 Minuten biegt der Sänger in die Endrunde, lässt ,,Plaisier d'amour" und Joels ,,Goodnight, My Angel" wie einen roten Teppich ausrollen für die finale Allwetter-Melancholie von Schuberts ,,Ave". Der Dacapo-Sprung zurück zu Take 3, zu Bizets ,,Perlenfischern", garantiert die Stabilität der Restsüße.

Dieter Stoll/Abendzeitung/4.12.06